Beim Projekt »Z1BinärWein« treffen Computergeschichte, Kunst und Weinbau aufeinander
Was haben Wein und Computer gemeinsam? Auf den ersten Blick eher wenig. Der eine wächst am Rebstock, der andere besteht aus Schaltern, Leitungen und Rechenoperationen. In Kreuzberg liegen beide allerdings nicht nur örtlich erstaunlich nah beieinander – beim Kunst- und Forschungsprojekt »Z1BinärWein« werden sie sogar miteinander verbunden.
Auf dem Grundstück an der Methfesselstraße, auf dem sich heute der Kreuzberger Weinberg befindet, stand einst das Haus von Konrad Zuses Eltern. Hier baute Zuse zwischen 1936 und 1938 die Z1, einen frühen frei programmierbaren Rechner und wichtigen Meilenstein der Computergeschichte. Das Haus wurde 1944 bei einem Bombenangriff zerstört, mit ihm auch die Z1. Im Boden werden bis heute kleine Überreste des Rechners vermutet.
Der Künstler Martin G. Schicht und LiFi-Experte Dr. Anagnostis Paraskevopoulos vom Fraunhofer HHI. Foto: rsjUnd genau über diesem Boden wachsen heute Weinreben.
Für den Künstler und Kurator Martin G. Schicht ist diese ungewöhnliche Verbindung Ausgangspunkt für »Z1BinärWein«, eine künstlerische Forschung, die sich über die Jahre 2026 und 2027 erstreckt. Dabei geht es um Technik und Natur, Vergangenheit und Zukunft – und um die Frage, ob sich zwischen all dem eine Verbindung herstellen lässt.
Das klingt zunächst ziemlich theoretisch. In der praktischen Umsetzung wird es jedoch überraschend anschaulich. Eine zentrale Rolle spielt LiFi, eine Technologie, bei der Daten nicht wie beim WLAN über Funk, sondern mithilfe von Licht übertragen werden. Die Weinpflanzen werden mit diesem Licht bestrahlt und erhalten darüber Informationen in Form von Binärcode – also jenen Nullen und Einsen, die die Grundlage digitaler Datenverarbeitung bilden.
LiFi-Module bestrahlen die Weinreben mit Infrarot-Licht, das Informationen in Form von Binärcode enthält. Foto: Martin G. SchichtDas Licht übernimmt damit gleich zwei Aufgaben: Es trägt Informationen und ist gleichzeitig das, was die Pflanze zum Wachsen braucht. Die Rebe macht daraus mithilfe der Photosynthese Trauben. Und aus den Trauben entsteht schließlich Wein – der wiederum mit Informationen angereichert sein soll.
Schicht geht noch einen Schritt weiter. Untersucht werden soll eine mögliche Kommunikation über die Pflanzen, ihr Wurzelwerk und die Pilzgeflechte im Boden. Dort könnten noch winzige Überreste der historischen Z1 liegen. Das Projekt verbindet damit moderne Kommunikationstechnik mit einer Art archäologischer Spurensuche.
Das erklärte Ziel klingt beinahe wie aus einem Roman: Gesucht wird der letzte Rechenvorgang der Z1 vor ihrer Zerstörung.
Ob der Weinberg dieses Geheimnis tatsächlich noch preisgeben kann, bleibt abzuwarten. Gerade darin liegt aber ein Teil des Reizes des Projekts. »Z1BinärWein« versteht sich ausdrücklich als künstlerische Forschung und nicht als Experiment mit vorab feststehendem Ergebnis. Schicht arbeitet bereits seit 2017 daran; das Projekt entwickelt sich prozessual und bleibt ergebnisoffen.
Dabei arbeitet er nicht allein. Beteiligt sind unter anderem die Winzer Hannes Lewerenz und Daniel Mayer, der LiFi-Entwickler Dr. Anagnostis Paraskevopoulos vom Fraunhofer HHI, Fachleute aus Biologie, Bodenforschung, Technikphilosophie und Umweltanthropologie sowie Horst Zuse, Informatiker, IT-Historiker und Sohn von Konrad Zuse.
Auch die Geschichte des Ortes wird dabei nicht unkritisch verklärt. Zuses Verhältnis zum NS-Regime wird im Projekt ausdrücklich thematisiert. Zwar war er kein Mitglied der NSDAP, arbeitete während des Zweiten Weltkriegs jedoch unter anderem an Berechnungen für militärische Flugzeugtechnik. Dieser Teil seiner Biografie gehört ebenso zur Auseinandersetzung mit dem historischen Ort.
Das Projekt bekommt einen ungewöhnlichen Abschluss. Aus einem Grundstück, auf dem einst einer der ersten Computer entstand, wächst fast neunzig Jahre später Wein, während Licht darüber wieder Binärcode transportiert.
Nullen und Einsen, Wurzeln und Mikrochips, Geschichte und Zukunft – »Z1BinärWein« bringt Dinge zusammen, die eigentlich nicht zusammengehören. Vielleicht ist gerade das ziemlich typisch Kreuzberg.
Und sollte dabei am Ende nicht nur eine spannende Geschichte, sondern auch ein guter Tropfen herauskommen, dürfte gegen diese Form der Digitalisierung kaum jemand etwas einzuwenden haben.
Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 13).